spektrum


18.12.2006



In der Basler Papiermühle wird ausgestellt und produziert

Von feinem Bütten, bleiernen Lettern und Gänsekielen

In den Mauern einer Papiermühle aus dem 15. Jahrhundert im romantischen Baseler St-Alban-Viertel direkt am Rhein zeigt die Basler Papiermühle die technische und kulturelle Entwicklung von Papier, Schrift und Druck und stellt mit den Museumsstücken Druckerzeugnisse und Papier her.

"Papier- und Druckmuseen gibt es etliche in Europa, aber wir sind das einzige Museum, in dem der ganze Prozess von der Papierschöpfung über die Setzerei und die Druckerei bis zur Buchbinderei unter einem Dach nachzuvollziehen ist." Museologe Martin Kluge ist sichtlich stolz auf das Konzept des Hauses, in dem er arbeitet. Wie seit Jahrhunderten dreht sich das Mühlrad im Kanal, der von der Mitte des 12. Jahrhunderts an bis zu zehn Papiermühlen Wasserkraft gab.

Auf vier Etagen wird in den beiden Fachwerkhäusern, in denen 446 Jahre lang bis 1924 Papier hergestellt wurde, alles um die Schwarze Kunst herum gezeigt und hergestellt. Das Basler Papiermuseum, 1980 eröffnet, ist ein von einer Stiftung und seltenen kleinen öffentlichen Zuschüssen getragenes Haus, das 60 Prozent seines Unterhalts selbst erwirtschaften muss. Neben den Eintrittsgeldern von gut 30.000 jährlichen Besucherinnen und Besuchern geschieht das durch den Verkauf der in den Museumswerk­stätten mit traditionellen Methoden und historischem Werkzeug hergestellten Produkte im Museumsläd­chen, auf Weihnachts- oder Handwerkermärkten.

Dem Produktionsprozess folgend wird im Parterre Papier geschöpft, gutes Schreibpapier ebenso wie feins­tes Bütten oder Wasserzeichen­pa­piere. "Künstler bestellen beispielsweise ihre Spezialpapiere für die Aquarellmalerei, wir können ganz individuelle und auch ausgefallene Wünsche erfüllen", erzählt Kluge.

Ein Papiermacher erklärt an seinem Arbeitsplatz einer Schulklasse, dass Zellulose nichts mit Zellulitis zu tun hat. Die Kinder dürfen in einer zweiten Bütte dann selber Papier schöpfen. Im ersten Stock, auf dem sich alles um Schrift dreht, könnten sie es mit echten Gänsekielen beschreiben oder mit Siegeln stempeln. In den schönen alten Räumen, der ehemaligen Meis­terwohnung, herrscht die authentische Atmosphäre dafür.

Man kann sich ein paar Bleilettern gießen lassen, die täglich frisch her­gestellt werden, sich dann an den voll funktionsfähigen alten Druckmaschinen in der dritten Etage das selbst geschöpfte Papier bedrucken lassen, vielleicht auf der Metallpresse von 1772 oder auf der Leipziger Windsbraut von 1912, "einer extrem präzisen alten Dame", wie Kluge versichert. Eine Stahlstichpresse von 1938 ist der Star der Abteilung, sie ermöglicht die Qualität, mit der der Museumsbetrieb auf dem kleinen Markt der Liebhaber hochwertiger Druckerzeugnisse konkurrenzfähig sein will.

Auf dieser Etage werden - mit Blick über den Rhein - Farbholz­schnitte gedruckt oder Kupferdrucke hergestellt, Gratulations- oder Neujahrskarten, Familienchroniken, Firmenbroschüren oder Visitenkarten im Prägedruckverfahren. Um Wartungs- und Reparaturkosten zu finanzieren, haben Kluge und seine Kollegen Patenschaften erfunden: Firmen und Privat­menschen können Patinnen oder Paten einer Maschine werden, übernehmen die jährlichen Kosten zwischen 300 und 12.000 Franken und bekommen dafür eine Urkunde und die entsprechende Werbung. In der vierten Etage nun kann aus Papier, Schrift und Druck ein Buch werden, eine Vergolde- und Prägepresse gibt es und eine schöne Sammlung von Vergolder­werk­zeug für Buchbinder.

Martin Kluge ist wichtig, dass im arbeitenden Museum auch die Sammlungen beachtet werden. Das unscheinbarste Stück in der Vitrine zur Schriftengeschichte ist beispielsweise eine der ältesten Bleilettern der Welt, ein "n" vom Ende des 15. Jahrhunderts, das im Hof einer benachbarten Gießerei gefunden wurde.

Schon auf den ersten Blick beeindruckend sind eine chinesische Banknote von 1375 und ein Brief auf Papyros von etwa 800 n. Chr. In der Bibliothek stehen mehr als 10000 Bände Fachliteratur zu Schrift, Druck und Papier.

Vierzehn Arbeitsplätze hat das Museum, darunter einen Drucker, einen Setzer, einen Buchbinder und einen Papiermacher, acht behinderte Menschen arbeiten in einer beschützenden Werkstatt, hinzu kommen viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Kürzlich ist das Museum komplett rollstuhlgerecht geworden, und alle Erklärungen gibt es jetzt auch in Blindenschrift.

Dafür gibt es nun einen Preis als behindertengerechtes Museum. Gerade wird ein Workshopraum hergerichtet, der Schulklassen als Druckerei dienen soll oder in dem "Schreiben wie im Mittelalter" gelehrt wird. Kluge: "Wir müssen immer wieder neue Ideen haben, wie wir zu Geld kommen, aber wir sind auch frei, es so auszugeben, wie wir es für richtig halten."

Ulla Lessmann

Basler Papiermühle, Schweizerisches Museum für Papier, Schrift und Druck, St.-Alban-Tal 37, 4052 Basel, Telefon 0041 61 2729652, Fax 0041 61 2720993, www.papiermuseum.ch, info@papiermuseum.ch, geöffnet dienstags bis sonntags 14 bis 17 Uhr, Museumsladen dienstags bis freitags auch 10 bis 12 Uhr, Führungen für Gruppen nach Anmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten.