|
21.09.2006
Das »Papiertheater Berlin« pflegt liebevoll eine fast vergessene Kunst
Magische Momente mit Papier und Pappe
Das Papiertheater, ein Theater in der eigenen Stube, war der Renner beim theaterbegeisterten Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts. Auf einer Bühne von der Größe eines mittleren Fernsehers wurde in der Familie nachgespielt, was auf den Spielplänen der großen Bühnen stand. Alois Senefelder trug zur Verbreitung des Papiertheaters entscheidend bei: Seine Erfindung der Lithographie ermöglichte hohe und erschwingliche Auflagen von Ausschneidebögen für Kulissen und Figuren, wobei die Kolorierung oft Heim- oder Kinderarbeit war. Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt das Papiertheater eine
Renaissance. Regine und Manfred Mahlers »Berliner Papier-theater« ist mit fast 28 Jahren Spielzeit eines der ältesten.
Der Drache sprüht Feuer, wie es sich für einen Bühnendrachen gehört. Dieser Drache ist regelgerecht grün und hat die erwartbaren gefährlichen gelben Augen. Aber er ist aus Papier, zwei Hände lang und eine Handbreit hoch und das Feuer (Bärlappsporen) sprüht er dank eines sehr komplizierten, selbst gebastelten Mechanismus auf seiner Rückseite, den Manfred Mahler erfunden hat. Er und Frau Regine strahlen um die Wette, wenn Besucher das bezaubernde Untier bewundern. Wie alle Figuren ihres Theaters ist auch dieser Drache ein Unikat: Gezeichnet werden die zehn bis 15 Zentimeter kleinen Darstellerinnen und Darsteller von begabten Freundinnen der Familie mit Buntstiften, Bleistiften, Tusche oder Wachskreide auf Aquarell- oder Schöllerhammer-Papier.
Fixiert mit Mattlack, sorgfältig ausgeschnitten und auf Bristolkarton geklebt, mit kleinen Gewichten am "plötzlichen Ohnmachtsanfall gehindert" und auf Leichtholzstäbe oder Pappstreifen befestigt werden sie von Regine Mahler. An diesen Stangen werden die zweidimensionalen Figuren von unsichtbaren Händen hin und her bewegt: "Wer redet, bewegt sich." Das spielt vor blitzschnell rein- und rausgeschobenen farbenprächtigen Kulissen, Hintergrund für die aufklappbaren Seitenkulissen, perfekt ins Licht gesetzt von einem ausgeklügelten Beleuchtungssystem.
Theatervergnügen im Kleinstformat
Andere Papiertheater arbeiten auch mit von oben an Draht geführten Figuren oder sichtbaren Spielern, und im 19. Jahrhundert standen Kerzen in den Spielgassen. Die Dialoge werden vorher von der studierten Schauspielerin Regine Mahler und befreundeten Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf Kassetten aufgenommen: "Für das Livesprechen müsste man zu viel üben". Abgemischt vom gelernten Toningenieur Manfred Mahler, unterbrochen von passender Musik für die "Umbaupausen", eingespielt von befreundeten Profimusikern, bei Bedarf mit Regen, Blitz und Donner von der Geräusch-CD untermalt: Das Ganze ist ein professionelles Theatervergnügen im Kleinstformat, aber kein kommerzielles. Die beiden 63-jährigen Enthusiasten widmen ihr inzwischen dreijähriges Rentnerdasein aus reinem Spaß und purer Liebe dem papierenen Theaterglück.
Regine Mahler, 32 Jahre Sprecherin beim Sender Freies Berlin, entdeckte 1978 zufällig Ausschneidebögen mit Figuren zu "Aschenbrödel" und verfiel unmittelbar der Faszination, ihrer Theaterleidenschaft im eigenen Wohnzimmer zu frönen. Es gibt Freundeskinder, die seit den Anfängen dabei sind - eines sprach mit sieben Jahren ein Sternenkind, beleuchtete mit elf den "Urfaust" und ist mit 31 "Chefbeleuchter". Seit 25 Jahren unterstützt Ehemann Manfred das "Berliner Papiertheater" mit seinen Talenten: ausgefeilte Lichtregie, theatralische Effekte wie der mit Feuer hemmendem Spray imprägnierte Drache, Angelschnüre, die wie Regenschauer aussehen, Nebelmaschinen. Intendantin Regine führt Regie und hält sich bei den Stücken an die Tradition, Klassiker einzudampfen auf Papiertheaterdramaturgie. "Auch Stücke, die man als Kind nie verstanden hat": "Wallensteins Lager" von Schiller, Goethes "Urfaust", "Hänsel und Gretel" von Humperdinck samt 14 silbernen Engelchen, die von oben herunterschweben: "Ein bisschen Persiflage, aber nie Ulk."
Diesen Winter gibt es "Lohengrin"
"Wallensteins Lager" und "Der fliegende Holländer" schnitt Regine Mahler noch aus gekauften Nachdrucken, seit "Hänsel und Gretel" wird alles selber gemacht. "Der fliegende Holländer" hat einen herrlichen Dreimaster als Hintergrund, vor dem eine hin- und hergeschobene Wellenpappe wilden Seegang simuliert. Im herrlich glitzernden Eispalast spielt das Märchen "Zwei Brüder", für "Peterchens Mondfahrt" wurde ein Ufo mit grünen Blinkeaugen erfunden. Diesen Winter gibt es "Lohengrin" neu, mit Schwan natürlich. Erstmals ist eine "richtige" Bühnenbildnerin dabei, Manfred Mahler hat eine komplette neue Bühne gebaut. Die Intendantin weiß: "Es darf nie textlastig sein, und es muss optisch ganz viel passieren." Jeweils zwölf Menschen laden die Mahlers etwa zehn Mal im Jahr in ihr Wohnzimmer in der Charlottenburger Altbauwohnung vor die mit dunkelblauen Samtvorhängen umrahmte Bühne - Familie und Freunde, keine "Wildfremden". Die kommen im Advent ins Nicolaihaus, wenn vier Mal vor allem für Kinder gespielt wird. Was kleine wie große Besucher fasziniert, ist, dass sie nach der Aufführung, die zwischen 35 und 45 Minuten dauert, hinter den Kulissen sehen können, wie alles funktioniert. Seit einigen Jahren treffen sich internationale Sammler und Theaterleute regelmäßig im schleswig-holsteinischen Preetz; da spielen auch die Mahlers, die nicht forschen und nicht sammeln, gerne mit. Figuren und Kulissen gehen - sorgsam in selbst konstruierten Pappkartons verwahrt - mit auf die Reise. Es gibt einen Verein, die Zeitschrift "Papiertheater" und ein Museum im Hanauer Schloss Philippsruhe. Ulla Lessmann
|