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Mitbestimmung

18.10.2006

Gewaltig umstrukturieren und die Beschäftigten mit den Folgen allein lassen? Unternehmensvertreter, Konzernbetriebsräte, Gewerkschafter und Workshop-Referenten debattierten zu neuen Herausforderungen für die Mitbestimmung in der Logistikbranche.

Foto: Frank Pusch



Logistiktag

Mitbestimmung als Chance



neh

Eine "Sonnenseite" und eine "Schattenseite" habe die Logistik, hieß es zur Begrüßung. Während einerseits die Branche "auf dem Börsenparkett als ein Stoff gehandelt" werde, "aus dem sich die feinsten Globalisierungsträume weben lassen", gäbe es andererseits "viele Missstände" – skandalöse Arbeitsbedingungen, Lohn- und Sozialdumping, illegale Beschäftigung. Welche neuen Herausforderungen stellen sich angesichts aktueller Entwicklungen für die Mitbestimmung? Antworten suchte der ver.di-Logistiktag 2006, der im Rahmen der Mitbestimmungsmesse "dieMit" am 13. Oktober in Bremen stattfand.

ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder erinnerte zur Eröffnung daran, dass es hierzulande einflussreiche Kräfte gäbe, die die Mitbestimmung am liebsten ganz abschaffen würden. Dem müsse Geschlossenheit entgegengestellt werden. Ohne Mitbestimmung, ohne Tarifautonomie, gäbe es nur Marktwirtschaft pur und am Ende auch keine soziale Demokratie, betonte er.

Spielräume nutzen

Die Logistikbranche wird gegenwärtig von immensen Umstrukturierungspro-zessen im internationalen und nationalen Rahmen geprägt, die mit Konfliktpotenzial, auch mit Rechtsunsicherheit und hoher Komplexität verbunden sind. Diese Entwicklungen bedeuten aber auch mehr Verhandlungsmöglichkeiten für betriebliche oder unternehmensweite Interessenvertretungen. Kreative Lösungen in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft sind gefragt.

"Outsourcing in der Logistik" war Thema im ersten Workshop. Referent Michael Felser stellte den § 613a BGB als zentrale Norm für Betriebsübergänge in den Mittelpunkt und betonte, dass diese eine Arbeitnehmerschutzvorschrift sei. Interessierte finden dazu Tipps unter www.betriebsuebergang.de.

Hilda Feige, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der DHL Solution Retail GmbH, fühlte die Arbeit ihrer Interessenvertretung bestätigt. "Wir haben gerade einen Betriebsübergang hinter uns gebracht und ich konnte mich überzeugen, dass wir als Betriebsrat Wesentliches beachtet und geregelt haben, um die Rechte unserer über 1500 Kollegen zu schützen und zu erhalten". Die dargestellten Beispiele – auch aus anderen Betrieben – seien hilfreich gewesen, da sich Interessenvertretungen bei Outsourcing ja nie sicher sein könnten, "ob das endgültig ausgestanden ist".

Was Betriebsräte tun können, um Nachteile für Beschäftigte von zugekauften oder fusionierten Unternehmen zu verhindern, interessierte Barbara Henke, Referentin im Konzernbetriebsrat der Deutschen Post. "Wir sehen uns genau an, wie Verträge der übernommenen Firmen gestaltet waren. Dank unseres hohen Organisationsgrades und mit der Gewerkschaft im Rü-cken gelingt es durchaus, auch Besitzstands- und Beschäftigungssicherung über den § 613a BGB hinaus zu erreichen".

Das Thema Globalisierung und Internationalisierung der Logistikbranche wurde im zweiten Workshop beleuchtet. Referent Dr. Dieter Plehwe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, warnte angesichts einer volkswirtschaftlichen Beschäftigungsverschiebung in der "Boombranche", scheinbares nicht mit echtem Wachstum zu verwechseln. Er stellte Auswirkungen des zunehmenden Diktats der Marktbeherrschung durch Global Player auf die kleineren Firmen zur Diskussion. Mittlerweile würden bereits "70 Prozent der Verkehrspolitik in Brüssel gemacht". Auch die Gewerkschaften und die Beschäftigten müssten Lobbyarbeit betreiben und Einfluss auf solche Gesetzgebungsverfahren nehmen.

Andrea Winter, Betriebsrätin bei Kühne & Nagel, nach dem Workshop: "Wir sind mit dem Bemühen, einen europäischen Betriebsrat zu gründen, auf dem richtigen Weg. Die Globalisierung und wachsende Aufkäufe als Unternehmenspolitik erfordern entsprechende Reaktionen, damit wir im erweiterten Rahmen unser Mitbestimmungsrecht ausüben können."

Der dritte Workshop mit dem zugespitzten Thema "Mitbestimmung im Weltall" erörterte den Stand der Einführung neuer Technologien wie GPS, Videoüberwachung oder Radio Frequenz Identifizierung (RFID) und notwendige Regelungen im Interesse der Beschäftigten.

Gegen weiße Flecken und Sozialdumping

Eine abschließende Podiumsdiskussion vereinte neun Referenten und Gewerkschafter, Unternehmer und Betriebsräte in der Debatte um neue Herausforderungen an die Mitbestimmung in der Logistikbranche.

Das Problem, so Werner Schäffer, ver.di-Bundesfachgruppenleiter Speditionen und Logistik, seien nicht Großunternehmen, sondern eher die Mittel- und Kleinbetriebe. Damit keine mitbestimmungsfreien Räume entstehen, wäre es hilfreich, so Thomas Koczelnik, stellvertretender Konzernbetriebsratsvorsitzender der Deutschen Post AG, „möglichst in allen Bereichen Tarifverträge auszuhandeln“. Im eigenen Gremium gelte ein Integrationskonzept, nach dem Betriebsräte aus zugekauften Bereichen in die Arbeit einbezogen und gemeinsame Strategien entwickelt würden. Als "Last und Chance" bezeichnete Dr. Stefan Kurrle, CEO DHL Exel Supply Chain, DHL Logistics GmbH und DHL Solutions GmbH, die Mitbestimmung in den eigenen Unternehmen. Sie sei eine "treibende Kraft unserer Entscheidungen" und habe – mit Blick auf die Konkurrenz – sowohl Einfluss auf Standortentscheidungen als auch den Preis angebotener Dienstleistungen. Bisherige Überleitungen seien "sozialverträglich" erfolgt und das Unternehmen habe übernommenen Mitarbeitern "nicht aktiv in die Tasche gefasst", versicherte Severin Martin, Abteilungsleiter Koordination Tarifpolitik Deutschland bei der Deutschen Post AG. Bei Neueinstellungen orientiere man sich dagegen "an den Logistikstandards". Prozesse der Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeitsplätzen seien unübersehbar, warnte Dr. Dieter Plehwe. Dagegen seien politische Allianzen und Entscheidungen nötig.

(Mehr unter www.dieMit.de.)

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